Wasserzeichen in KI-Texten: Nur Claude und Gemini markieren, was sie schreiben
Seit diesem Sommer tragen Texte von Claude und Gemini ein unsichtbares Zeichen. Texte von ChatGPT, Grok, Mistral, Meta AI und lokal betriebenen Modellen tragen keines, chinesische Dienste begnügen sich mit einem sichtbaren Hinweis. Prüfen kann einen Text heute aber niemand außerhalb der Anbieter.
Kann eine Lehrerin erkennen, dass eine Hausarbeit von einer KI stammt? Ein Personaler, dass ChatGPT das Anschreiben verfasst hat? Seit diesem Sommer hängt die Antwort vom Modell ab. Zwei Unternehmen versehen inzwischen jeden Text mit einem unsichtbaren Zeichen, einem Wasserzeichen, das ihre eigenen Werkzeuge wiederfinden. Die anderen tun das nicht, oder noch nicht.
Dieser Artikel zieht Bilanz zum 2. Oktober 2026: wer markiert, welche Modelle, was das Zeichen wirklich verrät und welche Rolle die Sprache spielt. Geschrieben hat ihn Claude Opus 5.5, ein Modell von Anthropic, einem der betroffenen Unternehmen. Er trägt das Wasserzeichen also selbst.
Die EU verlangt die Markierung seit dem 2. August 2026
Wer KI-Texte markiert – und seit wann
Textausgabe der einzelnen Dienste, Stand 2. Oktober 2026.
- Unsichtbares Wasserzeichen im Text
- Sichtbarer „KI“-Hinweis (App, exportierte Dateien)
- Angekündigt
Als Datentabelle anzeigen
| Dienst | Textmarkierung |
|---|---|
| Google · Gemini-App | seit Mai 2024 |
| Google · Gemini-API | seit August 2026 |
| Anthropic · Claude | seit August 2026 |
| Chinesische Apps, in China | seit September 2025 |
| Mistral | angekündigt für 2. Dez. 2026 |
| OpenAI · GPT | Ziel angekündigt, ohne Datum |
| Meta · Muse, Llama | kein Text-Wasserzeichen |
| xAI · Grok | kein Text-Wasserzeichen |
| Offene Modelle, lokal | kein Text-Wasserzeichen |
Den Anstoß gibt Artikel 50 des AI Act. Er verpflichtet Anbieter generativer KI, ihre Ergebnisse maschinell erkennbar zu machen, Text eingeschlossen. Ein Bild kann diese Information in seiner Datei verstecken, ein kopierter Text behält nichts. Also müssen die Wörter selbst das Zeichen tragen: Das Modell wählt sie nach einem statistischen Muster, das beim Lesen nicht auffällt, das eine Software mit dem richtigen Schlüssel aber erkennt.
Der Verhaltenskodex zum Gesetz setzt die Schwelle bei 200 Tokens an, gut hundert Wörtern; darunter wäre das Zeichen zu schwach, um verlässlich zu sein, und ist nicht vorgeschrieben. Die Anbieter müssen außerdem ein kostenloses Prüfwerkzeug anbieten, was bisher keiner für die Öffentlichkeit getan hat.
Modell für Modell
Die Tabelle erfasst die Modelle unserer Rangliste.
| Modelle der Rangliste | Zeichen im Text | Wer es lesen kann |
|---|---|---|
| Claude Opus 5.5, Sonnet 5.5, Fable 5.1 und frühere Versionen | Unsichtbares Wasserzeichen, weltweit, in App, API und Claude Code | Anthropic sowie zugelassene Stellen: Behörden, Medien, Forschung, Schulen und Hochschulen |
| Gemini 3.8 Flash | Unsichtbares Wasserzeichen (SynthID), in der App seit 2024 und in der API | Google; das Prüfwerkzeug ist weiter auf Warteliste |
| GPT-6.1 Sol, GPT-6 Sol, Luna und Astra, GPT-5.6 | Keines (nur Bilder und Audio werden markiert) | — |
| Muse Spark 1.3 (Meta), Grok 4.7 (xAI) | Keines | — |
| Mistral Medium 3.5 | Keines, zugesagt für den 2. Dezember | — |
| DeepSeek, Qwen, GLM, Kimi, MiniMax, MiMo, Seed, Hy4 | Sichtbarer „KI“-Hinweis in den Apps, in China | Alle, auf dem Bildschirm |
| Offene Modelle, lokal betrieben (Gemma, Qwen 27B, Granite …) | Keines | — |
xAI fällt aus der Reihe: Als einziger großer westlicher Anbieter hat es den europäischen Kodex nicht unterzeichnet. An das Gesetz ist es trotzdem gebunden.
Was das Zeichen wirklich verrät
Wer einen Text bekommt, hat vom Zeichen heute wenig. Weder Google noch Anthropic bieten ein öffentliches Werkzeug an; eine Lehrkraft kann also nichts selbst prüfen, es sei denn, ihre Schule erhält den Zugang, den Anthropic gewährt.
Das Zeichen ist zudem empfindlich. Kleine Korrekturen übersteht es, eine vollständige Umformulierung, eine Paraphrase durch ein anderes Modell oder eine Übersetzung mit einem anderen Werkzeug löschen es. Es verrät auch nicht, wer den Text geschrieben hat: Ob Claude das ganze Anschreiben verfasst oder nur drei Sätze eines menschlichen Entwurfs korrigiert hat, das Zeichen sieht gleich aus.
Die Detektoren schließlich, die Schulen und Unternehmen kaufen, lesen diese Wasserzeichen nicht. Sie schätzen aus dem Stil eine Wahrscheinlichkeit, mit bekannten Fehlern: Texte von Menschen, die nicht in ihrer Muttersprache schreiben, halten sie besonders oft fälschlich für KI. Ein Detektor-Wert ist kein Beweis.
Chinesische Modelle: ein Hinweis auf dem Bildschirm, in China
China war auf anderem Weg früher dran. Seit dem 1. September 2025 müssen Chat- und Schreibdienste dort einen „KI“-Hinweis in der Oberfläche zeigen und einen in exportierte Dateien schreiben. DeepSeek hat das am Stichtag umgesetzt; im September 2026 forderte die Aufsicht Doubao, Yuanbao, Qwen und Wenxin auf, es strenger anzuwenden.
Bei Text bleibt dieser Hinweis auf dem Bildschirm: Eine aus dem Chatfenster kopierte Passage nimmt ihn nicht mit. Kein chinesischer Anbieter hat ein verstecktes Wasserzeichen in den Wörtern angekündigt, und für ihre APIs und internationalen Versionen, also die, die man aus Deutschland nutzt, ist nichts vorgesehen.
Lokal betriebene Modelle: kein Zeichen
Das Wasserzeichen entsteht auf den Servern des Anbieters, in dem Moment, in dem das Modell jedes Wort wählt. Ein Modell, das auf dem eigenen Rechner läuft, wie die auf unserer Seite Lokale KI, trägt deshalb keines, egal von wem es stammt. Die einzige Ausnahme ist gewollt: Wer das Modell installiert, kann das von Google veröffentlichte Markierungswerkzeug mit eigenem Schlüssel einschalten.
Und auf Deutsch?
Für die Pflicht spielt die Sprache keine Rolle: Das Gesetz erfasst Dienste, die in Europa angeboten werden, egal in welcher Sprache, und Claudes Wasserzeichen gilt überall. Ein deutscher Text von Claude oder Gemini ist genauso markiert wie ein englischer.
Wohl aber dafür, wie das Zeichen verloren geht. Ein Text, der auf Englisch entsteht und mit einem anderen Werkzeug, etwa einem Übersetzungsdienst, ins Deutsche übertragen wird, verliert sein Zeichen; eine Übersetzung durch Claude trägt dagegen Claudes Zeichen. Kein Anbieter hat Erkennungsraten für Deutsch veröffentlicht. Auch bei den Detektoren gibt es Lücken: Laut seiner von Dritten zitierten Dokumentation bewertet Turnitin, an Hochschulen weit verbreitet, keine deutschen Texte.
Quellen
- AI Act, Artikel 50; Europäische Kommission, FAQ zu Artikel 50 und Unterzeichner des Kodex (24. September 2026); Verordnung (EU) 2026/1744.
- Anthropic, „Claude text watermark“ (14. August 2026) und Hilfeseite.
- Google DeepMind, SynthID in Gemini (14. Mai 2024); SynthID-Text und seine Grenzen; Gemini-API-Forum (19. August 2026).
- OpenAI, Herkunftsnachweis; City AM, 12. August 2026 (OpenAI, xAI); Mistral, Governance von Vibe; Meta, TextSeal.
- CAC, Kennzeichnungsregeln (14. März 2025); Ankündigung von DeepSeek; Qinglang-Bilanz (2. September 2026).
- He et al., „Can Watermarks Survive Translation?“, ACL 2024; Liang et al., Verzerrung von Detektoren, 2023.
Fazit
Stand 2. Oktober 2026 trägt ein mit Claude oder Gemini geschriebener Text ein unsichtbares Zeichen, ein mit jedem anderen Modell geschriebener nicht. Wer danach sucht, kann damit wenig anfangen: Nur Google und Anthropic können es lesen, es verschwindet, sobald der Text mit einem anderen Werkzeug übersetzt oder umgeschrieben wird, und es zeigt, dass ein Modell mitgewirkt hat, nicht, dass es alles geschrieben hat. Die an Schulen verkauften Detektoren lesen es nicht: Sie raten. Zwei Termine werden das ändern: der 2. Dezember 2026 für Dienste, die es in Europa schon gibt, und der 2. Februar 2027 für eine gemeinsame Erkennung.



